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Rede von Staatsminister Dr. Werner Schnappauf Bericht vor dem
Bayerischen Landtag zur Erlegung des Braunbären "JJ1" München, den
13. Juli 2006 -Manuskriptfassung-
Ich empfinde großes Bedauern darüber, dass der erste Braunbär in Bayern
seit über 170 Jahren ein solches Ende nehmen musste. Die Entscheidung,
ihn erlegen zu lassen, ist mir persönlich sehr schwer gefallen - ein
anderer Weg war aber nach Lage der Dinge nicht mehr zu verantworten.
Bekenntnis zum Menschenschutz
Ein international anerkannter Grundsatz des Bärenmanagements
lautet: "Menschenschutz geht vor Bärenschutz." Nach diesem Grundsatz
verfahren z.B. Österreich und die Schweiz, die USA und Kanada.
Zu dieser obersten Priorität des Menschenschutzes bekenne ich mich
ausdrücklich auch als für den Artenschutz verantwortlicher Minister!Ich
habe mit meinem Amtseid geschworen, meine Amtspflichten gewissenhaft zu
erfüllen.
Die Sorge für die Menschen in Bayern gehört an vorderster Stelle zu den
Amtspflichten der Staatsregierung, und sie muss unser aller Anliegen auch
hier in diesem Ausschuss sein. Es kann doch nicht sein, dass manche in
unserer Gesellschaft ein Wildtier über die Sicherheit von Menschen setzen
- soll erst ein Mensch, vielleicht sogar ein Kind, schwer verletzt oder
gar getötet werden?
Ich bin überzeugt, dass Bären auch in den Nordalpen wieder einen
Lebensraum finden können - wir müssen dabei aber zwei Eckpfeiler
beachten:
- Erstens den bereits angesprochenen Vorrang der Sicherheit der
Menschen,
- Zweitens müssen wir Menschen aber wieder lernen, Bären als Wildtiere
ernst zu nehmen.
Der Braunbär ist ein großes Raubtier mit allen
seinen natürlichen Instinkten: Hier ist kein Platz für falsche
Romantik! Wir können das vertraute Bild vom lieben Plüschbären
unserer Kindheit nicht auf den Braunbären übertragen: Eine
Verniedlichung als harmloser Kuschelteddy, ein tatenloses Hinnehmen der
Nahrungssuche in menschlichen Siedlungen aus falsch verstandener
Tierliebe sind verantwortungslos und gefährden Mensch und Tier.
- Ohne die Beachtung dieser Eckpfeiler ist ein verträgliches
Zusammenleben von Mensch und Raubtier in unseren dichtbesiedelten
Gebieten von vornherein nicht darstellbar!
Experten von Anfang an für
Abschuss Die Leitlinien des internationalen Bärenmanagements
wurden auch in Bayern bei "JJ 1" von Anfang an beachtet. Am 22.Mai
wurde durch die Vorfälle in Grainau erstmals deutlich, dass "JJ 1"
offenbar erhebliche Probleme machte - vorher hatten wir uns noch auf
den ersten Bären bei uns gefreut. Am selben Tag hat Bayern das
erfahrene österreichische Bärenmanagement unter Vertrag
genommen. Bayern hat sein komplettes Vorgehen mit Tirol abgestimmt.
Das Umweltministerium hat sich beim Umgang mit "JJ1" von hochrangigen
Wissenschaftlern und Bärenspezialisten beraten lassen:
- der Koordinierungsstelle für das Bärenmanagement in Österreich
(KOST),
- den österreichischen Bärenanwälten Wagner u. Dr. Rauer, die das
Bärenmanagement in Österreich maßgeblich aufgebaut haben,
- einem Expertenteam der Universität Freiburg und
- den bayerischen Experten für große Beutegreifer Wölfl und
Wotschikowsky.
Das Vorgehen bei "JJ1" hat sich ausschließlich an fachlichen
Bewertungen orientiert. Nach einhelliger Auffassung aller mit der
Angelegenheit befassten Bärenexperten war "JJ1" ein Risikobär. Sie
haben von Anfang an seinen Abschuss empfohlen.
Ich zitiere aus der Stellungnahme der österreichischen Bärenanwälte vom
23.Mai: "Aus diesem Grunde und insbesondere zum Schutz von
menschlichem ... Leben ist es ... notwendig, das entstehende und
vorhandene Gefährdungspotenzial durch einen Abschuss des Braunbären zu
beseitigen." Eine Umerziehung von "JJ1" wurde von Anfang an als
kaum erfolgversprechend beurteilt, ich zitiere weiter: "Dieses
negative und unerwünschte Verhalten ... kann ihm ... derzeit nicht
ausgetrieben werden, da ... keine Möglichkeit gefunden wurde, ihn zu
fangen und zu vergrämen. Die Erfolgsaussichten ... werden mit jeder
Futteraufnahme im Nahebereich des Menschen geringer."
Das, meine Damen und Herren, ist das fachlich fundierte Urteil
anerkannter Experten, denen die Wiederansiedlung des Bären im Alpengebiet
nachweislich seit langem am Herzen liegt.
"JJ1" war Gefahr für Menschen "JJ1"
war nach übereinstimmender Expertenmeinung eine Gefahr für den
Menschen. Dieses Urteil stützte sich zum einen auf das gefährliche
Verhalten des Tieres selbst. Dieses Verhalten spitzte sich während
Aufenthaltes von "JJ1" in Bayern immer weiter zu.
- So drang der Bär wiederholt in geschlossene Siedlungsbereiche ein,
wobei es mehrfach zu kritischen Situationen kam.
- Am Ende hatte das Tier selbst am Tag jede Scheu vor Menschen
verloren.
Zum anderen wurde die Gefahr, die der Bär für den Menschen bedeutete,
auch durch zum Teil groben menschlichen Leichtsinn verschärft. Dies ging
so weit, dass Bergwanderer das Tier am helllichten Tag aus nächster Nähe
verfolgten. Einzelheiten hierzu können Sie der Chronologie entnehmen,
die ich habe austeilen lassen.
Intensive Anstrengungen, "JJ1" lebend zu
fangen Aus alledem wird deutlich, dass es nicht verantwortbar
war, "JJ1" noch länger in der freien Wildbahn zu belassen. Nach den
Grundsätzen des Bärenmanagements gibt es zwei Wege, einen Bären zu
entfernen:
- Einfangen und sicher verwahren oder
- erlegen.
Obwohl die Experten schon am 22. Mai dezidiert zum Abschuss geraten
hatten, habe ich zunächst alles daran setzen lassen, dass "JJ1" lebend
gefangen wird. Ich bin mit dieser Entscheidung eine hohe persönliche
Verantwortung eingegangen. Wäre in dieser Zeit ein Mensch zu Schaden
gekommen, wäre ich dafür selbstverständlich uneingeschränkt politisch
verantwortlich gewesen.
- Über 3 Wochen versuchten Experten des WWF Österreich vergeblich,
"JJ1" u.a. mit amerikanischen Röhrenfallen und Schlingen
einzufangen.
- Danach war ihm 2 Wochen lang ein erfahrenes finnisches Bärenteam mit
6 Bärenhunden und einem Betäubungsspezialisten mit Narkosegewehr auf der
Spur.
- Die außerordentliche Mobilität von "JJ1" machte es seinen
Verfolgern jedoch extrem schwer.
- Einmal in Kaiserklamm hätte die Betäubung fast geklappt - die
Finnen hatten "JJ1" gestellt!
- Pressefotografen kamen dazwischen - ein Vorgehen zum
Betäubungsschuss wäre dadurch zu riskant gewesen.
- Danach bot sich leider keine weitere Chance mehr.
- Das finnische Team beendete seine Fangversuche schließlich am
23.06.2006 und kehrte nach Finnland zurück.
Tötung des Bären
unvermeidbar Am Ende war die Tötung des Bären unvermeidbar
geworden. Man muss sich dabei deutlich machen, dass die fachliche
Einschätzung der Experten und die öffentliche Wahrnehmung weit auseinander
gingen. Ereignisse wie die Streifzüge von "JJ1" bei Grainau oder der
Aufenthalt vor der Polizeiwache in Kochel haben in der Öffentlichkeit eher
Schmunzeln und Sympathie für das Tier hervorgerufen.
Die fachliche Wertung der Experten war das genaue Gegenteil: Sie
sahen es als klaren Beleg für immer weniger Scheu vor den Menschen und
damit steigende Gefährlichkeit des Bären, dass "JJ1" immer öfter in
menschliche Siedlungen eindrang. Aus Sicht der Fachleute eskalierte die
Situation also immer mehr.
Versetzen Sie sich nun in die konkrete Lage der Verantwortlichen am 24.
und 25.Juni hinein:
- 5 Wochen intensiver Fang- und Betäubungsversuche sind ergebnislos
geblieben.
- Alle mit der Angelegenheit vertrauten Experten warnen: "Der Bär
stellt eine Gefahr für Menschen dar!"
- Alle beigezogenen Experten stimmen überein, dass kein weiteres
erfolgversprechendes Fangkonzept mehr zur Verfügung steht.
- Deshalb empfehlen sie erneut, nicht weiter zuzuwarten, sondern den
Bären "baldmöglichst" zu schießen.
- Auch Tirol setzt am Samstag seine Abschusserlaubnis zum Wochenanfang
wieder in Kraft.
In dieser Situation taucht "JJ1" unvermittelt bei der Rotwand auf
- einem klassischen Münchner Hausberg und viel frequentierten
Wandergebiet.
- Hier kommt es innerhalb kurzer Zeit zu mehreren kritischen
Nahbegegnungen mit teilweise extrem leichtsinnigen Touristen
(siehe
Chronologie).
- Dies führt auch zu einer denkbar schlechten Prognose für die weitere
Entwicklung:
Angesichts der großen Popularität des Tieres rücken
immer mehr unvorsichtige Menschen dem Bären immer enger auf den Pelz.
- Ein schwerer Zwischenfall mit möglicherweise tödlichem Ausgang ist
nur noch Frage der Zeit.
In dieser Situation blieb den Verantwortlichen keine andere Wahl als
zum Schutz der Menschen zu handeln! Es wurde nochmals die Möglichkeit
eines Betäubungsschusses diskutiert - in der konkreten Situation aber als
zu riskant verworfen: Es stand nach Abreise des finnischen Teams
kurzfristig kein eingespieltes Betäubungsteam mit tierärztlichen Experten
zur Verfügung. Ein Betäubungsschuss kann nur aus nächster Nähe (max. 80
m) gesetzt werden und wirkt erst nach 5 Minuten - bis dahin ist der Bär
gereizt, aggressiv und hoch gefährlich. In dem stark frequentierten
Almgebiet sollte eine mögliche Gefährdung Unbeteiligter in jedem Fall
vermieden werden.
Die Entscheidung zum Abschuss ist allen Beteiligten schwer gefallen -
niemand wollte "JJ1" gerne tot sehen! Auch das Sicherheitsteam hat eine
notwendige Pflicht erfüllt! Ganz abgesehen von den unverantwortlichen
Versuchen, diese Menschen namentlich zu identifizieren und so zur
Zielscheibe von Angriffen und Morddrohungen zu machen.
Geltendes Recht wurde
eingehalten Wie bereits dargelegt, waren die
Behördenentscheidungen in Bayern und Tirol auf ausschließlich fachliche
und wissenschaftliche Grundlagen gestützt. Nach übereinstimmender
Auffassung aller beteiligten Wildbiologen war die Situation eskaliert. Es
war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein konkretes Unfallrisiko
manifestiert hätte.
Einstimmig kamen die eingeschalteten Experten zu dem Ergebnis, dass
nach dem Scheitern aller Fangbemühungen rasches Handeln geboten und der
Bär unverzüglich aus der Wildpopulation zu entfernen war. Das Vorgehen
gegen den Bären am 26. Juni im Rotwandgebiet hat das StMUGV juristisch eng
mit dem Staatsministerium des Innern abgestimmt. Das Allgemeine
Sicherheitsrecht im Bayerischen Landesstraf- und Verordnungsgesetz (LStVG,
Art. 6) berechtigt und verpflichtet die Sicherheitsbehörden, alle
notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine Gefahr für die Öffentliche
Sicherheit abzuwehren.
Umweltministerium und Innenministerium kamen übereinstimmend zu dem
Ergebnis, dass das Verhalten von "JJ1" zusammen mit den jüngsten
Entwicklungen im Rotwandgebiet eine erhebliche Gefahr im Sinne des
Sicherheitsrechts darstellte und unverzügliches Handeln erforderte. Das
konkrete Tätigwerden war Aufgabe der sachlich und örtlich zuständigen
Sicherheitsbehörde, die ein Sicherheitsteam entsandte. Die Gemeinden
Schliersee und Bayrischzell waren nicht eingebunden. Als rein
sicherheitsrechtliche Maßnahme hatte das Erlegen von "JJ1" auch mit Jagd
nichts zu tun!
Auch das Naturschutzrecht sieht bei strengem Schutz einer Tierart, wie
ihn der Bär grundsätzlich genießt, ausnahmsweise eine Tötungserlaubnis
vor, wenn überwiegende Gründe des Gemeinwohls ein solches ultimatives
Vorgehen erfordern. Die Sicherheit von Menschen ist ein solcher
Gemeinwohlgrund. Deshalb hat die Regierung von Oberbayern mit
Allgemeinverfügung vom 23.06.2006 den Abschuss erlaubt. Da diese
Allgemeinverfügung bereits am Samstag, den 24.06.2006, im Münchner Merkur
veröffentlicht worden war, trat sie am Sonntag, den 25.06.2006 in Kraft -
bevor "JJ1" erlegt wurde.
Die Ausnahmeerlaubnis steht auch in Einklang mit der Berner Konvention
und der FFH-Richtlinie. Beide Rechtsvorschriften gelten in Deutschland
nicht unmittelbar, sondern sind durch das Bundesnaturschutzgesetz
(BNatSchG) in deutsches Recht umgesetzt worden. Sowohl die Berner
Konvention als auch die FFH-Richtlinie sehen im Interesse der öffentlichen
Sicherheit Ausnahmen vom strengen Artenschutz vor, die im BNatSchG
umgesetzt wurden.
Bei der Staatsanwaltschaft München sind über 100 Strafanzeigen
eingegangen. Die Staatsanwaltschaft hat diese eingehend geprüft und
ist zu dem Ergebnis gekommen, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens
abzulehnen. Damit wurde die Haltung von Umweltministerium und
Innenministerium bestätigt.
Hassreaktionen
erschütternd Die Reaktionen auf Tod von "JJ1" haben mich
menschlich stark berührt. Das Mitleid vieler Menschen mit dem Bären
verstehe und teile ich. Kein Verständnis habe ich aber angesichts
- völlig unkontrollierter Beschimpfungen ("Mörder") und
- massenhafter Morddrohungen gegen die betroffenen Sachbearbeiter an
Landratsamt, Regierung und Ministerien,
aber auch bis hin zur
Almsennerin und dem Bärenanwalt.
- Wenn im Internet zu lesen ist, dass ein sogenannter Tierfreund
"eine Party veranstalten" will, "wenn Schnappauf und
die Bärenmörder endlich tot sind," dann verschlägt es nicht nur mir
die Sprache.
- Täglich gehen im Ministerium neue Drohungen ein - was das allein für
die damit befassten Mitarbeiter an seelischen Belastungen bedeutet, muss
ich Ihnen wohl nicht näher schildern.
Bayern wird Bärenmanagement
einrichten Die Ereignisse um "JJ1" haben uns gezeigt: Die
Menschen in Bayern stehen einer Rückkehr des Bären positiv
gegenüber. Wir mussten aber auch erkennen: Menschen und Bären müssen
den Umgang miteinander wieder lernen - sonst wird das Zusammenleben
scheitern. Bayern wird deshalb ein Bärenmanagement nach dem Vorbild
Österreichs und der Schweiz einrichten.
- Auf der Basis der dortigen Managementpläne haben wir bereits
einen Entwurf für ein "Bärenkonzept" Bayern erstellt.
- Eckpunkte dieses Konzepts sind beispielsweise:
- Oberste Priorität für die Sicherheit des Menschen - es ist auch
künftig nicht ausgeschlossen,
als ultima ratio einen Risikobären
zu erlegen, wenn nichts anderes mehr hilft;
- aktive Öffentlichkeitsarbeit zur Information der Bevölkerung über
die Situation der Bären in Bayern,
die Maßnahmen des
Bärenmanagements und vor allem die Vermeidung von Unfällen und
Schäden;
- Vermeidung von Schäden an Nutztieren und landwirtschaftlichen
Kulturen vorrangig durch Prävention.
- Direkte Bärenschäden sollen durch einen Fonds oder eine
Versicherungslösung aufgefangen werden.
Bayern wird sein Konzept eng mit den anderen Alpenländern
vernetzen. Eine erste Besprechung dazu auf Expertenebene hat am 4.Juli
in Trient stattgefunden, eine weitere ist für September in Chur
geplant.
Resümee Der Tod von "JJ1"
ist natürlich sehr bedauerlich, war aber aufgrund des hoch problematischen
Verhaltens des Tieres und des teilweise groben Leichtsinns von Menschen
bei Begegnungen mit dem Tier als ultima ratio unvermeidbar. Auch der
Kollege Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat öffentlich bekundet:
"Ich hätte nicht anders entscheiden können in dieser Lage."
Hätten die Verantwortlichen diese Entscheidung nicht getroffen und wäre
ein Mensch ums Leben gekommen, so wäre zu Recht ein Aufschrei der
Empörung durchs Land gegangen.
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